Johannespassion

Eggenfelden. Die beiden großen Passionsvertonungen von Johann Sebastian Bach – Matthäuspassion und Johannespassion – gehören zweifelsohne zu den größten und bedeutendsten Musikschöpfungen aller Zeiten. Wenn man beide Werke vergleicht, ist die "Johannespassion" die etwas spektakulärere und dramatischere Fassung und deshalb bei vielen Musikliebhabern hochgeschätzt. Dass nun in der Stadtpfarrkirche Eggenfelden die komplette Passion mit ihrem immensen Schwierigkeitsgrad aufgeführt wurde, darf getrost als großes Glück bezeichnet werden, zumal nach einer kulturell so bedrückenden Corona-Zeit.

Denkbar schwierige Ausgangssituation

Zuerst ein paar Worte zur Ausgangssituation: Unglücklicher konnte eine Amtszeit eines an eine neue Wirkungsstätte kommenden Kirchenmusikers kaum beginnen – Johannes Buxbaum begann im September 2020 seine Tätigkeit an der Stadtpfarrkirche als Nachfolger von Christoph Bachmaier und musste aufgrund der Corona-Vorschriften auf sämtliche öffentlichkeitswirksame Konzerte verzichten. Weder ein größeres Orgelkonzert noch eine konzertante Aufführung waren bis dato uneingeschränkt möglich und umso bemerkenswerter ist es, dass Buxbaum bei seinem sozusagen verspäteten "Antrittskonzert" gleich in das höchste Regal der großen kirchenmusikalischen Kompositionen griff und sich an die schwierige und fast zweistündige "Johannespassion" wagte.

In herausragender Art und Weise sang Tenor Markus Zeitler die Rolle des Evangelisten – eine der wichtigsten Rollen in einer Passionsvertonung.
In herausragender Art und Weise sang Tenor Markus Zeitler die Rolle des Evangelisten – eine der wichtigsten Rollen in einer Passionsvertonung.

Bemerkenswert auch insofern, als dass das Projekt aufgrund der unsicheren Gesamtsituation relativ spontan entstand und nur zwei Monate Probezeit zur Verfügung standen, während man in "normalen" Zeiten fast ein Jahr Vorlaufzeit zum Proben einplanen würde.

Schon das Eröffnungsstück "Herr, unser Herrscher" zeigt die ganze Schwierigkeit für den Chor, den Buxbaum aus eigenen Sängern des "Vokalensembles" und Gastsängern bildete: Viele Koloraturen in Sechzehntelnoten, sich ineinander webende Stimmführungen, dynamische Elemente, ein hoher Tonumfang in den Stimmen und viele andere musikalische Herausforderungen machen den ersten Chorus zu einer enorm hohen Hürde. Der Chor meisterte diese gut und wurde dabei von Johannes Buxbaum "sanft an der Hand genommen" – sein Dirigat zeigte sich als fordernd, aber nicht überfordernd, schlagtechnisch sehr souverän und ausdrucksstark in den musikalischen Intentionen. Er interpretierte seine Rolle als die eines musikalischen Begleiters, der sich, so gut es geht, zurücknimmt, in entscheidenden Passagen aber seine Intentionen mit Nachdruck einfordert.

Ein Meister seines Fachs: Kirchenmusiker Johannes Buxbaum überzeugte mit seinem souveränen und ruhigen Dirigat.
Ein Meister seines Fachs: Kirchenmusiker Johannes Buxbaum überzeugte mit seinem souveränen und ruhigen Dirigat.

Eine entscheidende Rolle spielte dabei das Orchester "La Banda" – ein aus Augsburg stammendes Barockorchester, welches über enorme Erfahrung und Souveränität verfügt und den Eindruck vermittelte, als sei es das Normalste der Welt, mal eben die Johannespassion zu spielen. Besonders die enorm wichtige Oboe als Soloinstrument und Führstimme für die Choräle konnte richtiggehend entzücken.

Neben den vielen kleinen Chorstücken, bei denen reaktionsschnell chorische Einwürfe gemacht werden, wie beispielsweise bei der Pilatus-Szene, sind die Choräle das Faszinosum schlechthin in Bachs Passionen – schlichte Chorsätze, die in ihrer Anmutigkeit und ergreifenden Schlichtheit die jeweilige Stimmung innerhalb der Passionsgeschichte ausdrücken sollen. Die Gestaltung dieser Choräle ist auch für jeden Chorleiter ein großes Interpretationsspiel – von großer Klangbreite, wie es früher Karl Richter mit seinem Bachchor München zelebriert hat, bis hin zur schlanken Klarheit, wie es heute ein Philippe Herreweghe oder John Eliot Gardiner mit ihren fantastischen Ensembles interpretieren und sich damit zur historischen Aufführungspraxis hinwenden, ist ein entsprechend großer Spielraum für individuelle Interpretation vorhanden. Johannes Buxbaum verfolgte einen ähnlichen Ansatz und wählte eine schlanke, durchsichtige und anmutig wirkende Gestaltung; so gerieten gerade die herrlichen Choräle "O große Lieb" oder "In meines Herzens Grunde" zu einem wahren Klangerlebnis, das durch den barocken Klang und die historischen Instrumente von "La Banda" noch entsprechend verstärkt wurde.

Eine weitere große Rolle spielen in der Johannespassion die Solisten, allen voran der Tenorsolist, dem die allerwichtigste Rolle zuteil wird, nämlich den Passionstext, also die Leidensgeschichte voranzutreiben. Dies geschieht mittels Rezitativen, sozusagen freien, kunstvollen Erzählmelodien, die nur sehr rudimentär und punktuell von Cello sowie Christoph Bachmaier am Continuo begleitet wurden, um die Konzentration des Zuhörers ganz auf die Leidensgeschichte zu fokussieren. Diese Aufgabe wurde Markus Zeitler zuteil, einem versierten und vielseitigen Mitglied der Bayerischen Staatsoper, der sie mit großer Hingabe und klarer Diktion erfüllte und dem auch die gewaltigen Anforderungen an Klarheit in höchsten Lagen keine Probleme bereiteten.

Grandioses "Einstandsgeschenk"

Bettina Baumgartner-Geltl sang als "Lokalmatadorin" die beiden von Bach komponierten Sopran-Arien und entzückte vor allem bei der herrlichen Arie "Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten" in dramaturgisch schöner Korrespondenz mit dem Orchester. Gegen Ende der Leidensgeschichte präsentierte sie die Arie "Zerfließe, mein Herze" mit einer anderen, bedächtigeren Charakteristik und bewies damit einmal mehr ihre Flexibilität.

Altistin Ute Feuerecker, ebenfalls schon häufig in Eggenfelden im Einsatz, präsentierte die Arie "Von den Stricken meiner Sünden" mit ihrem warmen Timbre und hatte die ehrenvolle Aufgabe, den Tod Jesu mit der Arie "Es ist vollbracht" musikalisch umzusetzen, was ihr vortrefflich gelang.

Die Bassstimme hatte Manuel Adt inne und er erfüllte als Bassist die Rolle des Jesus mit großer Überzeugung und einer sonoren, tiefen Stimme. Besonders die "Wechsel-Dialoge" zwischen Jesus und Pilatus, dessen Rolle Gregor Mooser aus dem Chor heraus sang, erforderten von allen Beteiligten großes Einfühlungsvermögen, denn ein Jesus mit seinen gütigen Worten ist natürlich auch musikalisch anders zu behandeln als Pilatus im Dialog mit den Juden, wer denn nun alles gekreuzigt werden solle.

Der Schlusschoral "Ach, Herr, lass dein lieb Engelein" mit all seiner Pracht und die sich anschließend ergebende Stille in der Kirche erzeugten bei vielen einen wahren "Gänsehaut-Moment".

Ein wenig schade war, dass die Stadtpfarrkirche zwar gut besucht, aber nicht voll besetzt war, möglicherweise ein Ergebnis der immensen – gerade auch in der Kultur vorherrschenden – Einschränkungen. Johannes Buxbaum lieferte jedenfalls den Eggenfeldenern ein grandioses "Einstandsgeschenk" und die Begeisterung bei den anwesenden Zuhörern war sehr groß, so dass die Mitwirkenden in den Genuss eines langen, wohlverdienten Applauses kamen.

Markus Asböck